21 April 2024

Der Angstgegner: Krankenhaus - Teil 1: Die Ambulanz

Ich sehe nur das helle, fast grelle Licht an der Decke, als ich in die Abmulanz geschoben werde. Die Sanis schnallen mich jetzt endlich los, aber bewegen will ich mich nicht. Dann stehe ich eine Weile auf meiner Liege rum. Also ich liege, aber die Liege steht rum. Ich weine ununterbrochen. Die Tränen laufen einfach so, obwohl ich außer einem Glas Wasser den ganzen Tag noch nichts getrunken habe. Zuletzt gegen zehn morgens, vielleicht halb elf, und jetzt ist es immerhin schon... ich weiß es nicht. Nachmittags eben.
Der liebe Sani kommt rein, drückt meine Hand und wünscht mir alles Gute. Er lächelt mich hoffnungsspendend an. Dann ist er um die Ecke verschwunden. Ich weine noch mehr. Ich richte den Oberkörper so gut es geht etwas auf, damit ich mich umblicken kann. 
Ein junger Arzt kommt rein, stellt sich vor und sagt, das er mir jetzt ein paar Fragen stellt. Standardfragen, wie er es nennt. Als die Frage kommt, wie meine Adresse lautet, weine ich wieder schluchzend. 
"Ich bin obdachlos," sage ich kleinlaut. Das ist mir peinlich.
"Oh je," sagt der Arzt, "und dann sowas. Haben Sie irgendeine Anschrift, unter der man Sie erreichen kann?"
Ich sagte, ich bin bei der Teestube mit einem Postfach angemeldet.
"Das nehmen wir!" lächelt er mich an. Scheint für ihn kein Problem zu sein, er gibt mir nicht das Gefühl, das ich wertlos bin.
"Was genau ist denn passiert?"
Ich schildere ihm, wie ich auf der Terrasse ausgerutscht bin. Kreislauf weg, allen Pipapo. Er nickt und schreibt mit. Dann verschwindet er aus dem Raum. Derweilen kümmert sich eine Pflegerin um mich, ein junges Mädchen. Ich weiß nicht, was sie macht, ich  lasse einfach alles geschehen. Ich sage nur immer wieder:
"Sie dürfen mir nichts geben, ich habe MCS."
Dann werde ich auf den Gang geschoben. Die Pflegerin sagt, ich würde dann nachher wieder zum Ambulanzarzt reingebracht. Und jetzt liege ich hier, mitten auf dem Gang. Leute gehen an mir vorbei, und das grelle Deckenlicht schmerzt in den Augen. Ich weine ununterbrochen. Ich kann einfach nicht mehr aufhören! Und Opi? Wo ist eigentlich Opi? Irgendwo draußen, rauchen, oder im Wartebereich. Wer weiß. Ich nicht. Ich wünschte nur, er wäre hier.
Eine Pflegrin kommt und schiebt mich vor sich her.
"Wir röntgen Sie jetzt," sagt sie lächelnd.
Ich weine wieder mehr, ich habe furchtbare Angst vorm Röntgen! Die Strahlung hat es mehr als ein Mal geschafft, das ich mich übergeben musste.

Im Röntgenraum fragt mich ein junger Mann, ob ich mich selber auf die Liege setzen kann. Ich muss durch die Tränen hinweg bitter auflachen.
"Nein, das schaff' ich nicht!"
"Okay, dann helfen wir Ihnen," sagt die junge Frau.
Mit vereinten Kräften rollen sie mich auf eine Trage, ähnlich der Trage, auf der ich im Krankenwagen lag. Sie hiefen die Trage auf den Röntgentisch. Hier einfach nur liegen bleiben, lautet die Anweisung.
Das Röntgen ist so schnell rum. Viel schneller, als es dauert, mich wieder vom Röntgentisch zu bekommen. Dann werde ich wieder auf den Gang geschoben.
Es dauert nicht so lange - oder vielleicht auch doch? - bis der junge Ambulanzarzt kommt und mich ernst ansieht.
"Die Hüfte ist gebrochen," sagte er. "Wir werden operieren müssen."
Er tätschelt meine Hand und ist wieder verschwunden.
Ich weine, nein, ich heule und schluchze. Ich hab' solche Angst! Das werde ich nicht überleben!
"Heute werde ich hier sterben," denke ich. "Ich werde sterben."

Nach einer gefühlten Ewigkeit werde ich erneut in das Ambulanzzimmer geschoben. Auch hier stehe ich eine Weile nur rum. Es ist gegen halb fünf oder so... vielleicht später. Ich habe so unheimlichen Durst! Mein Mund klebt, ich fühle mich leicht fiebrig. Dehydriert.
"Also," beginnt der Ambulanzarzt. "Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten: entweder sie ertragen den Schmerz und werden nie mehr richtig laufen können, ständig unter Schmerzen leiden und das Ihr Leben lang - oder wir operieren. Dann bekommen Sie eine Titanprothese, mit der sie schmerzfrei wieder ganz normal laufen werden können."
"Was fragen Sie mich da noch?" antworte ich durch mein Geheule. "Dann die OP. Ich halte keine Schmerzen aus. Ich hab' Polyneuropathie."
Er nickt.
"Das sagten Sie. Und leider ist Ihre Osteoporose so weit fortgeschritten, das die Knochenheilung da nichts ausrichten kann. Sie würden immer Schmerzen haben, weil das Gelenk nicht mehr heilen kann."
Er  zeigt mir ein Modell der Prothese. Es ist mir egal, ehrlich. Ich will nur die Schmerzen nicht mehr haben. Und wo ist überhaupt Opi?
"Wann haben Sie zuletzt gegessen?" fragt der Arzt.
"Heute morgen, so um halb neun."
"Und getrunken?"
"Gar nichts mehr seit heute Morgen. Und ich hab' so furchbaren Durst!"
"Dann setze ich die OP auf heute Abend an, gegen halb sechs. Das würde dann passen."
Ich beginne wieder schluchzend zu weinen. Der Arzt lächelt und sagt:
"Das wird wieder, auch wenn es Ihnen jetzt anders vorkommt."
"Aber... aber... " schluchze ich, "ich hab' MCS... "
Er nickt.
"Ich weiß. Das besprechen Sie nachher in aller Ruhe noch mit dem Anästhesist."
Und schwupps ist er wieder weg.

Es dauert wieder eine Ewigkeit, Tage, Monate vielleicht, und dann kommt endlich Opi ins Ambulanzzimmer. 
"Die Hüfte ist gebrochen," schluchze ich. "Und ich werde gleich operiert! Das überlebe ich nicht, Opi! Ich werd' hier sterben!"
Opi hat Tränen in den Augen. Unglaublich! 
"Doch, Omilein," sagt er liebevoll, "das überlebst du!"
Ich weine, jetzt wo ich ihn sehe, noch mehr. Er ist traurig, und das macht mich bestürzt und noch trauriger, als ich sowieso schon bin.

Er darf mich noch ein paar Meter zum OP begleiten, dann winke ich zum Abschied. Ich denke nur noch daran, das ich ihn vielleicht jetzt zum letzten Mal sehe...


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