Ich liege auf dem Sofa, auf dem ich die Nacht geschlafen habe. Während ich langsam wach werde, denke ich schon darüber nach, was ich an diesem Tag alles schreiben werde. Arbeitsvorbereitung sozusagen.
Plötzlich klopft es an der Wohnungtür. Ich habe zwar eine Klingel, aber es klopft. Vermutlich die Nachbarin, die irgendwas will. Also bleibe ich liegen. Ich öffne nie die Tür. Ich vertrage diesen extremen Parfümgeruch nicht.
Ich höre, wie mein Schatz aus dem Schlafzimmer kommt und an die Tür geht. Ich höre ihn mit einer Frau reden. Nicht die Nachbarin, noch sonst jemand aus dem Haus. Ich wohne hier schon so lange, das ich deren Stimmen kenne. Ich höre, wie mein Name fällt. Wie jemand in die Wohnung kommen will. Ich stürme ins Badezimmer. Springe unter die Dusche, dusche mich kühl ab. Ziehe mir schnell was über.
Als ich ins Wohnzimmer trete, steht dort eine Frau, die sich als Frau Sowieso, Gerichtsvollzieherin, vorstellt. Ich beginne zu zittern.
Die Wohnung soll geräumt werden. Sofort. Es gibt keinen Aufschub, die Spedition der Hausvermietung wartet vor der Tür. Es sei nachsichtig von ihr, so die Gerichtsvollzieherin, das sie mir noch ein wenig Zeit gibt, um ein paar Sachen zusammenzupacken.
"Eigentlich darf ich das nicht, denn es soll alles eingelagert werden."
Mein Freund und die Frau unterhalten sich. Ich verstehe gar nichts, kein Wort, als sprächen sie in einer fremden Sprache. Ich höre die Worte "Briefkasten" und "Post". Mein Freund sagt, er wäre länger nicht am Briegkasten gewesen. Das ging eine Weile so, dann stand die Frau mit einem Stapel ungeöffneter Briefe im Wohnzimmer. Mahnungen, Zahlungsaufforderungen, Recht auf Wiederuf... Räumungsbescheid.
"Was ist los?" frage ich zitternd. "Wie konnte das nur passieren?"
Die Gerichtsvollzieherin erklärt was. Ich verstehe nichts. Ich verstehe das Wort "Schulden". Mietschulden. Aber ich weiß nicht, wie es dazu kam. Was ist passiert?
Ein paar Sachen raffe ich zusammen. Klamotten, Bettwäsche, meinen Lumpi ( = Kuschelhund). Meinen Rechner. Dann wanke ich aus der Wohnung. Abfällige Kommentare, obwohl ich direkt neben ihm zitternd an der Wand stehe, vom Hausmeister. Die Gerichtsvollzieherin sagt noch zu jemandem:
"Die Frau tut mir schon leid," und zu mir (in einem ekelhaft kumpelmäßigen Tonfall, als kennten wir uns schon eine Ewigkeit und wären dicke Kumpels): "Sie sollten sich überlegen, ob das wirklich der richtige Partner für Sie ist."
Was weiß die schon? Wie sehr muss man sich selber hassen, das man so einen Job gerne macht?
Im Schlafzimmer nehme ich ein paar Sachen: ich packe meine kleinen E.T.s ein, die ich seit 1982 neben meinem Bett auf dem Nachttisch habe. Ich ziehe mir etwas über. Völlig neben mir werfe ich mir schnell was über. Die Männer glotzen mich an. Ich weine und kann nicht mehr aufhören zu weinen. Das Zittern wird immer schlimmer. Die Knie sind rund, ich kann nicht richtig auftreten. Meine Nase läuft bestimmt. Ich sehe kaum noch was; meine Augen brennen.
Ein Typ wirft einen großen Karton aufs Bett und beginnt, meine Kleidung aus dem Schrank in den Pappkarton zu werfen. Ich sehe einen Käfer im Karton.
"Ungeziefer bringen die auch mit," schießt es mir durch den Kopf, während die Kerle - breit wie Schränke - meine Klamotten einfach in den Karton werfen. In diesem Moment realisiere ich, das ich meine Sachen nie wieder werde tragen können. Ob wegen der Käfer, vielleicht auch Motten, aber ganz sicher wegen dem Gestank des Lagers, in das nun alles gekarrt werden soll.
Als ich auf der Bank neben dem Spielplatz im Hinterhof sitze, höre ich durch das gekippte Küchenfenster, wie mein Geschirr scheppernd in einen Karton geworfen wird. Neun Typen wühlen jetzt in allem rum, für das ich je gearbeitet, das ich mir jemals angeschafft, für das ich je gekämpft habe. Mein ganzes Leben wird achtlos und respektlos in Kartons geworfen. Einfach rein damit, auch wenn es kaputt geht. Alles was mir etwas wert ist, das ich liebe, an dem ich hänge, wird angedadscht, begrapscht und beschmutzt. Mein Leben weggeworfen und ab ins Lager.
Ich sitze hier, auf der Bank, friere, aber spüre nichts. Ich bin leer. Bis auf die Angst. Diese mich zernagende, verzehrende Angst, die wie Feuer in mir brennt. Was wird aus mir? Wo soll ich hin? Wo kann ich leben?
Das meine MCS so stark ist, wird es nicht leichter machen. Futter für die Angst. Sie zehrt davon. Ich denke:
"Dann friss die MCS doch einfach auf. Nimm sie mit, schluck sie runter, kack sie aus. Mir egal. Aber nimm sie von mir. Vielleicht ist die Angst ja doch mal zu was gut."






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