17 April 2024

Der Morgen danach

 Der Bekannte/Chef meines Lebensgefährten holt uns ab. Wir fahren nach außerhalb, in ein Haus, das die beiden seit einiger Zeit renovieren und sanieren. Hier gibts zwar nix, aber es ist ein Dach über dem Kopf. Murk kauft eine hauchdünne Matratze, damit wir wenigstens für ein oder zwei Nächte hier schlafen können.

Mein Rechner ist aufgebaut. Der Tisch ist behelfsmäßig aus einem Sperrholzbrett und einem Malergestell zusammengebaut. Die ganze Sache ist noch immer nicht angekommen. Nicht in meinem Kopf. Ich fühle mich ausgezehrt, ausgelaugt. Ich muss was essen. Natürlich wird die Pizza falsch geliefert, die Opi mir bestellt. Die Kräuter, die in der Sahnesauce sind, triggern mich schon durch den Pizzakarton hinweg.
Murk greift sich ein Stück und macht sich auf, die Pizza umzutauschen. Immerhin falsch geliefert, ey! Er erklärt (ach, was sag ich erklärt! Er mault einfach) "Allergien, Mensch! Mach die Sauce richtig!" und kehrt nach kurzer Zeit mit der richtigen Pizza zurück.
Murk meint, wir seien Hausbesetzer. Er meint, er kann mich nicht einschätzen - hallo! Wie auch? Wir sind uns an diesem schreckensvollen Tag zum ersten Mal überhaupt begegnet. Da war wohl kaum Zeit für einen netten Umtrunk und eine Vorstellrunde.

Ich sitze also dann am Rechner. Naja, an meiner geliebten Schnuddelkiste. Mein treuer Begleiter seit zehn Jahren der Isolation. Hier fand mein Leben statt: virtuell, sozial und auch einfach zum Entspannen. Mein Schreib- und Bastelkram, alles, an dem ich in den letzten 17 Jahren arbeitete, hat hier seinen Platz. My Rechner is my Castle, sozusagen, oder auch "Kiste, sweet Kiste". 
Opis und mein Hirn laufen auf Hochtouren. Was ist zu tun? Was als nächstes angehen? Wie die ganze Sache klären, bereinigen, weitermachen... ?

  Am anderen Morgen - nach einer schlaflosen Nacht nahe dem Boden (komm schon, eine 5-cm-dünne Matratze? Im Ernst?) - rufe ich beim Sozialamt an. Ich will wissen, warum die Miete nicht mehr gezahlt wurde. Warum meine Stütze nicht mehr gezahlt wurde.
"Ja, wie, das hast du nicht gemerkt?" fragt bestimmt nun der ein oder andere.
Nein, habe ich nicht, wie auch? Hutsimpel! Ich war nicht fähig, vor die Tür zu gehen. Alles, wirklich alles, hat mein Lebensgefährte erledigt. Und da er verdiente, lebten wir von seinem Geld. Ich - naiv wie eh und je - dachte natürlich, alles würde seinen Gang gehen. Alle jemals geforderten Unterlagen, Kontoauszüge, Atteste, Befunde legte ich immer beim Sozamt vor. Also warum sollte da was schief gehen?
Wie ich an jenem Mittwoch also erfahre, hat mein netter Sachbearbeiter gekündigt und einfach alle Akten geschlossen. Kein Zugriff mehr. Ich kann nicht mehr recherchieren oder nachvollziehen, was schiefgelaufen ist, wieso es zu eben dieser Situation kam. Situation. Allein das Wort in diesem Zusammengang ist absurd, grotesk geradezu... pervers. Die Lady vom Amt sagt mir, ich solle online einen Neuantrag auf "Brügergeld" stellen. Sorry, aber das kann ich gar nicht ernst nehmen im ersten Moment, ich denke, sie veralbert mich. Ich frage nach:
"Sie meinen Hartz IV?"
"Ja, aber das heißt jetzt Bürgergeld."
"Hmm... okay..."
"Vier bis sechs Wochen dauert es, bis Ihr Antrag bearbeitet ist und Sie das erste Geld erhalten," sagt sie.
Gesagt, getan. Der Antrag ist ungefähr zehn Minuten nach dem Telefon raus.

  Am zweiten Abend  in Taunusstein auf der Baustelle daddel ich ein bissi. Ablenkung. Ich höre Musik, ich trinke ein paar Bier. Ich bin kraftlos. Mutlos. Verzweifelt.

Ich telefoniere über FB-Chat mit einer Freundin aus Österreich. Sie arbeitet für einen Anwalt/Notar. Wir schicken ihr alle Unterlagen über den Chat, die angeblich "aus dem Off" im Briefkasten gelegen haben. Alles rechtens, alles paletti. Leider verloren, sozusagen.



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