"Ich kann dich nicht einschätzen," betont er in einem wirklich seltsamen Tonfall. Jetzt schon zum zwoten Mal.
Ich hätte am liebsten gesagt: "Ist mir schnurze! Ich kenn' dich nicht, und du tangierst mich nur periphär."
Aber natürlich halte ich den Mund. In meiner Lage noch das Maul aufreißen... besser wenn nicht. Aber sympathisch finde ich ihn nicht.
Opi telefoniert, was das Zeug hält. Wer hat für ein paar Tage eine Bleibe? Wo können wir mal kurzzeitig unterkommen, um den Kopf klar zu kriegen? Letztendlich bleibt nur die Möglichkeit, in eine Ferienwohnung (RB&B) zu gehen. Das einzig freie, das einigermaßen in der Nähe ist, kostet 700 Ocken für eine Woche. Opi sagt, das sei kein Problem, aber die wollen es natürlich per Anweisung. Also zahlt eine Bekannte (Sabine) das Geld auf mein Konto ein, von hier aus überweisen wir es direkt, und einige Stunden später können wir nach Auringen in die Ferienwohnung.
Im Auto fragt Murk mich über MCS aus. Ehrlich: unter "normalen" Umständen wäre ich wirklich froh gewesen, Außenstehende zu informieren. Aber hier und heute... mein Kopf war mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und ich konnte mich so gar nicht konzentrieren. Ich weiß nicht, was ich zu ihm sagte, wie ich die Erkrankung erklärte...
Als wir in Auringen ankommen, können wir direkt in die Wohnung. Der Gestank haut mich um. Ich weiß nicht, was es ist, das so stinkt - vermutlich alles. Die Möbel, die ganzen unnützen Kissen (auf Sofa, in Ecken, auf Stühlen), der Küchentisch inklusive Stühle (Holz, nordischer Touch), das Schlafzimmer kann ich gar nicht betreten... mir ist schlecht, schwindelig und ich kann kaum laufen. Ich knicke ein. Ich will nur in die "Raucherlounge", die sich auf der kleinen Terrasse befindet. Hier einfach durchatmen. Die kalte, frische Luft atmen, die mir zehn Jahre fehlte.
Murk sagt: "Och, das ist ja gar nicht so schlecht hier."
Ich erwidere irgendwas, das mich das alles triggert und es mir schlecht geht. Opi sagt, ich solle mich für einen Moment setzen, er würde das Auto ausräumen und schon mal alles wegpacken.
Okay.
Als ich mich ein bissi gefangen habe, rauche ich eine. Atme tief ein und aus. Der Kopf wird klar.
Murk verabschiedet sich. Ehrlich gesagt bin ich froh, das er weg ist. Ein unangenehmer Typ für mein Befinden. Sowas von unempathisch und nicht gewillt, Einfühlungsvermögen zu zeigen.
Ich kann nicht schlafen. Ins Schlafzimmer gehe ich nicht, obwohl Opi richtig gut putzt. Er putzt jedes Schränkchen - hier stehen nur so Schränke mit quadratischen Schublädchen rum. Da kann man vielleicht ein paar Socken reinlegen, aber mehr auch nicht. Naja, und vielleicht einen Schlübber. Aber mehr Deko als nützlich. Ätzend.
Er kocht mir Nudeln. Ich soll was essen, sagt Opi. Ja, er hat ja recht, aber weder Hunger noch Appetit hab' ich.
Jedenfalls verbringe ich die Nacht auf dem brettharten Sofa. Jeder Knochen tut mir weh. Ich komme kaum hoch, wenn ich mal pullern muss. Das Bad ist schön, aber leider total verseucht. Der Gestank nach irgendwelchen "Erfrischern" liegt in der Luft. Auch das Lüften bringt gar nichts. Überhaupt in der Wohnung kann man überall Fenster und auch die Terrassentür öffnen - der Gestank nach Duftstoffen und Chemikalien will nicht weichen.
Opi findet den Trigger: ein Bleiche-Essig-Gemisch, mit dem hier geputzt worden ist. Das Zeug hat sich auf den ganzen Stoff und Kuststoff (ja genau, der Schränke) gelegt und ist nicht mehr wegzukriegen. Aber er putzt unaufhörlich, immer wieder, immer wieder, bis es besser wird.
Immer wieder gehe ich auf die Terrasse. Heute Morgen schneit es. Die Sonne kommt durch die Wolken. Es ist wunderschön! Die frische, eisige Luft, die herrlichen Bäume und Pflanzen um mich herum - ein wahrer Traum! Ich lächel, ich kann draußen sein, endlich! Ich kann atmen und einfach hier stehen, ohne das etwas passiert, ohne das ich einknicke, es mir schlecht geht, schwindelig wird oder ich orientierungslos bin, ohne Lallen, neurologische Aussetzer oder Angst. Einfach ein bißchen Freiheit genießen. Mensch, das tut sooo gut!
Als ich an der Kiste sitze, sagt Opi, ich solle mal die Vermietung anschreiben, die eine Wohnung in Wiesbaden haben, aus der kürzlich jemand ausgezogen sei. Die Person kennt er, beziehungsweise deren Tochter kennt er. Die Frau vom Murk. Also ihre Mudder ist ausgezogen. So, jetzt hab' ichs.^^
Ich suche die Vermietung raus und schreibe eine echt total nette eMail, warum ich besonders geeignet für die Wohnung bin. Ich bin in guter Laune, die Mail ist wirklich super geworden!
Es ist noch früh an diesem ersten Morgen in der Ferienwohnung, und wir machen uns den Plan, das wir einfach mal spazieren gehen, ein bissi ins Zentrum, ein bissi in die Natur...
Ich fühle mich für einen Moment frei. Ich will auf die Terrasse zu Opi, der dort gerade raucht, und dann passiert es...





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Danke für deinen Kommi! 💛