Ungefähr 22 Uhr im Bad. Ich will noch Zähne putzen und Haare bürsten, meine zwei üblichen Gute-Nacht-Kippchen am Fenster rauchen (ja, das ist erlaubt, obwohl man nur eine rauchen soll und dann wieder rausgehen) und dann ins Bett. Immerhin will ich um 6:22 Uhr aufstehen, denn es geht ganz früh nach Taunusstein. Yay!
Ich putze Zähne. Eine Frau kommt rein, ich sehe sie gar nicht an, denn das Bad ist ja für alle da. Ich vernehme ein abfälliges "Pah" und höre noch ein paar undeutliche Worte, als die Person das
Ich will jetzt erstmal ein Kippchen rauchen, in Ruhe, aber ich muss aufeinmal dringend pullern. Ganz dringend. Also packe ich mein Zeugs zusammen - den Klobeutel und mein Knautschibag (Handtasche) - und will zur Toilette. Die äußere Badtüre ist zu 3/4 geschlossen und der Keil fest darunter eingeklemmt. Ich rege mich nicht auf, das nervt mich nur, und ich kicke den Keil einfach zur Seite und geh aufs Klo.
Das war schon ein Signal für mich, das die Tussi - ich nenne sie einfach mal "Bangs" - mich einsperren wollte. Aber, wie gesagt, ich mache mir da jetzt nicht soo den Kopf drum.
Wieder zurück im Bad. Ich gehe ans mittlere der drei Waschbecken und bürste meine Haare. Die Tür geht auf (die innere Badtüre, die ich immer schließe, wenn ich im Bad rauche, damit der Qualm nicht auf den Flur zieht), und wie mit einem Sprung steht Bangs am ersten Waschbecken, seitlich, beugt sich nach vorne, ganz nah zu mir. Ihr Gesicht ist vielleicht noch zwanzig, fünfundzwanzig Zentimeter von meinem entfernt.
Sie redet irgendwas, ich höre nicht richtig zu und ich verstehe sie auch nicht. Sie spricht keinen Akzent oder Dialekt, nein, das nicht, aber ihre Worte sind unverständlich, wirr. Ihr Gesicht kommt immer näher, und jetzt sehe ich ihr direkt in die Augen. Sie sagt:
"Pass bloss auf, das ich dich nicht um die Ecke bringe!"
Ihre Augen sind aufgerissen, ihr Mund mit den fauligen Zähnen verzerrt, das Gesicht eine bösartige Fratze. Die Augen sprühen vor Hass.
Sie redet weiter, unverständlich, keine Ahnung was sie labert. Ich zitter am ganzen Körper, versuche mich zu beherrschen. Packe meine Bürste ein, nehme langsam meinen Klobeutel, gehe zum Fenster. Bangs redet immer weiter, schrill, bedrohlich.
Dann verlässt sie das Badezimmer, knallt die erste Tür zu, dann die äußere auch. Ich höre, wie der Keil wieder auf dem Boden rumrutscht.
Ich fummle eine Kippe aus meiner Kippchenbox. Ich zitter wie Espenlaub. Meine Hände haben kaum Kraft, das Kippchen zu halten geschweige denn richtig zum Mund zu führen. Ich atme zum Fenster hinaus. Die eisige, windige Luft weht mir ums Gesicht. Ich friere wie ein Schneider, ich zittere immer heftiger.
"Soll ich das melden?" denke ich. Ja, wieso denke ich da überhaupt drüber nach, verdammt nochmal? Ich ermahne mich im Geiste: "Sieh' dich doch an! Wie du zitterst! Klar meldest du das! Das ist eine Drohung gewesen! Soll erst was passieren, bevor du den Mund aufmachst? Schluck's nicht schon wieder runter!"
Ich überlege wirklich, ob ich nicht einfach schnell aufs Zimmer gehen und diesen Vorfall unter den Teppich kehren soll. Oder erst am anderen Tag Bescheid geben.
"Nein," ich schüttle den Kopf. Diesmal nicht, sage ich mir. Diesmal nicht.
Die Türen vom Bad gehen - wie alle Zimmertüren - nach innen auf. Hat nicht viel Sinn gemacht, den Keil von außen drunter zu schieben, aber dennoch lasse ich das als zweiten Versuch des heutigen Abends gelten, das Bangs mich einsperren wollte. Nicht sehr clever gemacht.
Sie ist auf dem Flur. Sie schiebt einen massiven, sehr großen Tontopf, in dem ein Baum steht, über den Gang. Sie sieht mich, redet wieder hasserfüllt, keift und stellt mir ein Bein. Echt nicht clever, die Frau, ich steige einfach drüber. Ich laufe schnell aufs Zimmer, werfe meinen Klobeutel aufs Bett, schnappe meinen zweiten Stock, und laufe schnell zur Stahltür, die zum Treppenhaus führt.
Unten angekommen kann ich mich kaum auf den Stöcken halten, so weich sind meine Knie vor Angst, so sehr zittere und bibbere ich am ganzen Körper.
Frau Sista will sich gerade zur Nachtruhe fertig machen, es ist jetzt bereits viertel vor elf rum. Vielleicht auch erst halb elf, keine Ahnung. Sie sieht mich, wie ich zitternd auf sie zuwanke, sieht mich schon erschrocken an.
"Was ist passiert?" sagt sie direkt.
"Es tut mir leid," sage ich leise, mit zittriger Stimme, "ich will Sie nicht stören. Aber ich wurde grade bedroht."
Sie schließt den Aufenthaltsraum auf und sagt, ich solle hier Platz nehmen.
Sie lässt sich mir gegenüber am Tisch nieder und ich schildere ihr haarklein alles, was sich zugetragen hat. Auch, das ich nach dem Vorfall erstmal am Fenster stand und eine rauchte, um das alles setzen zu lassen und zu überlegen, was ich machen soll.
"Ich habe Ansgt, wieder hoch zu gehen," sage ich leise. Ich wackle, mein ganzer Körper bebt vor Angst.
"Ich rufe jetzt die Polizei," sagt Frau Sista. "Erschrecken Sie sich nicht, wenn ich jetzt hier abschließe, dann sind Sie hier sicher."
Das ist gut, ehrlich, das gibt mir Sicherheit.
Sie geht hinaus und schließt ab. Ich bleibe einfach sitzen. Ich zitter noch immer am ganzen Leib. Ich schlage die Hände vor's Gesicht. Ich atme tief ein und aus, will mich beruhigen. Geht nicht. Zu frisch alles. Grade eben erst passiert. Ich sehe die verzerrte Fratze von Bangs vor meinem inneren Auge. Das ist zu viel für mich. Zu viel einfach.
Während wir auf die Polizei warten, geht Frau Sista nach oben, um nach Bangs zu sehen. Diese flippt aus, knallt die Tür, will auf Frau Sista losgehen. Das erzählt sie mir, als sie nach unten kommt.
Wir unterhalten uns über den Vorfall. Sie sagt, es ist gut, das ich das direkt gemeldet habe. Denn das ist ein klarer Verstoß gegen die Hausregeln. Bedrohen geht gar nicht!
Ich erzähle ihr noch einige andere Vorfälle, die mir erst jetzt wieder in den Sinn kommen. Opi weiß das alles, ihm habe ich es immer direkt getickert.
Die Sache mit dem Besen - nee, Abzieher - zum Beispiel. Oder auch der Versuch, gewaltsam in Mimis Zimmer einzudringen, wobei sie handgreiflich resp. gewalttätig gegen Mimi wurde. Und auch die Sache vorgestern. Auch so ein gestörter Zwischenfall:
Ich verließ grade das Zimmer, um auf die Terrasse zu gehen, und Bangs kam mir vom Flur entgegen, drehte auf dem Fuß um, kam zu mir zurück, schrie mit schriller Stimme "hallo!" und warf sich rücklings auf den Boden. Sie hob die Beine, öffnete sie spreizend ab, schloss sie und grinste mit seltsamer Fratze. Ich sah sie nur mit gehobener Augenbraue an und ging nach unten. Ich dachte nur, die Alte hat sie eben nicht alle. Soll ja vorkommen. Aber so richtig knusper in der Birne scheint die nicht zu sein.
Später erzählte Faugül mir, das unsere Zimmertür offen gestanden hätte. Selbst Tina von nebenan hatte das mitbekommen und sich gewundert, denn das Zimmer war leer*. (*Sprich niemand war drin.)
Mittlerweile war es dann gegen halb zwölf ungefähr, als Frau Sista sich entschloss, nochmals bei der Polizei anzurufen und nachzuhaken, denn immerhin war diese Person aggressiv und vermutlich auch gefährlich. Sie verließ den Aufenthaltsraum, und ich fragte vorher kleinlaut und - klar - auch verängstigt, ob ich noch eine rauchen dürfe auf der Terrasse.
"Natürlich dürfen Sie noch eine rauchen gehen," sagte sie. "Aber seien Sie vorsichtig, nicht das die Dame sich aus dem Badezimmerfenster lehnt und irgendetwas macht!"
Ach Scheiße Mann, daran hatte ich gar nicht gedacht. Ich schleiche also fast geräuschlos auf die Terrasse, naja, meine Gummischluppen quietschen ganz, ganz leise auf der Gummimatte. Ich presse mich so nah es geht ans Fensterbrett neben der Terrassentür und halte das Badfenster im 1. Stock ständig im Auge. Ein kurzer Blick über den nächtlichen, stürmischen Himmel. Der Himmel, der mir in den letzten Monaten immer wieder Trost und Kraft spendete, beruhigt mich jetzt gar nicht. Ähm, nein, nicht der biblische Himmel, Mensch, hier der Himmel, der echte Himmel mit den Wolken und dem Gedöns! Heute Nacht sehe ich keine Sterne. Das ist unschön.
Ich glaub', ich hab noch nie so schnell zwei Kippchen hintereinander gequarzt. Im Bad ist alles dunkel und ruhig. Ich schleiche wieder in den Aufenthaltsraum und schließe gaaanz leise die Tür. Setze mich wieder hin, mache mich klein. Wo ist nur mein Tarnmäntelchen? Ich wär am liebsten unsichtbar in diesem Moment, so verletzt und verängstigt wie ich grade bin.
Es ist vielleicht so um zehn vor zwölf oder so, als die Polizei endlich eintrifft. Vielleicht ist es auch eine ganz andere Uhrzeit. Was weiß ich, es spielt keine Rolle.
Seltsam ist - das schießt mir in diesem Augenblick durch den Kopf - das in ein Frauenwohnheim, in dem auch traumatisierte Frauen untergebracht sind, zwei männliche Polizisten auf der Matte stehen. Aber gut, das ist jetzt auch nicht wichtig. Habe von Weibern eh die Schnauze voll.
Der eine ist groß, dunkle Haare, fast schwarze Augen, sehr tiefe Stimme, etwas brummig. Der andere bissi kleiner, helle, kurze Haare, sieht ganz nett aus und redet auch einfühlsam mit mir.
Ich schildere den Vorfall.
Der Große sagt:
"Naja, das ist ja jetzt nicht eine direkte Bedrohnug."
Ich sehe ihm in die Augen und sage: "Das mag für Sie keine direkte Bedrohung sein, aber für mich ist es das schon!"
Frau Sista stimmt mir zu.
"Diese Frau ist aggressiv und gewalttätig. Sie hat heute schon ihre zweite Verwarnung erhalten, und dieser Vorfall jetzt verstößt ganz klar gegen die Hausregeln. Sie muss das Haus heute noch verlassen," erklärt sie den Beamten.
"Dabei soll das hier ein geschützer Ort sein," sagt der nette Polizist.
Ich nicke traurig. Ja, da hat er recht, das soll es angeblich sein.
Meinen Ausweis muss ich vorzeigen. Klar, ich hab keine Einträge. Deshalb bin ich wohl auch glaubwürdig. Das sagen die beiden Männer natürlich nicht, aber der Große nickt mir zu, als er meine Daten gecheckt hat.
"Gut," sagt der Kleinere, der Nette, "wir gehen jetzt hoch und kümmern uns um die Dame."
"Ich gehe nicht hoch," sagte ich leise. "Erst wenn sie weg ist!"
"Wir können Sie zu ihrem Zimmer bringen und warten, bis Sie im Zimmer sind, wenn Sie das möchten," bietet der Nette an.
"Das ist sehr nett," antworte ich, "aber ich denke, ich warte lieber hier unten. Ich habe angst, das ich sie nochmal sehe."
Die beiden Herren nicken.
"Das verstehe ich," sagte der Kleinere, "das ist sehr traumatisierend."
Die Beamten verabschieden sich und machen sich nach oben. Jetzt sollte ich langsam ruhiger werden. Ist aber nicht der Fall. Ich schlotter noch immer vor Angst.
Es dauert mehr als eine halbe Stunde - vielleicht länger - bis ich durch einen Spalt im Rollo sehe, wie Bangs ins Auto verfrachtet wird und die Polizisten den Hof verlassen. Kurz darauf gehe ich in den Flur.
Frau Sista kommt mir entgegen.
"Sie können jetzt wieder nach oben gehen. Die Dame hatte Drogen auf ihrem Tisch. Kokain. Und sie wollte mich noch angreifen, obwohl die beiden Polizisten vor mir standen. Sie darf hier nicht mehr rein."
Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ganz langsam kullert er runter Richtung Magen.
"Alles wird wieder gut," sagt Frau Sista.
Ich bedanke mich bei ihr. Ich nehme sie in den Arm, sie umarmt mich zurück. Streichelt meinen Rücken. Ich bin froh, das sie da ist an diesem furchtbaren Abend. Sie hat alles richtig gemacht. Und sie war für mich da.
Ich gehe nach oben. Mann, ich bin richtig fertig jetzt, völlig ausgelaugt und trotzdem aufgewühlt.
Ich schnappe im Zimmer meinen Klobeutel und gehe ins Bad. Ich muss erstmal zwei rauchen, geht nicht anders. Muss einfach jetzt sein. Frau Sista schaut nochmal rein, sagt, wir sollen das Fenster aufmachen und lächelt. Mina ist noch hier, eine alte Frau, die nur italienisch spricht. Frau Sista auch, ich bin überrascht, denn das wusste ich gar nicht. Das gibt mir ein gutes Gefühl, ich bin aufeinmal erleichtert. Nicht, das sie italienisch spricht, sondern das sie nochmal nachsieht.
Als ich endlich ins Zimmer komme, mache ich die kleine Lampe auf dem Tisch an, ziehe mich um, räume meine Klamotten sorgfältig weg, lege mich hin. Jetzt ist es genau 1:15 Uhr.
Ich bin durch für heute. Das hat mich geknickt. Jetzt - nach all dem, was in den letzten sieben Monaten geschehen ist - habe ich einen Riss, einen Knacks. Püppchen kaputt.






Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Danke für deinen Kommi! 💛